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Jüdische Gemeinde Villingen-Schwenningen

Pessach

Wie beim Auszug aus Ägypten

Viele fragen sich ob unsere Periode schon mit dem "Beginn der Erlösung" (Atchalta deGe'ula) bezeichnet werden könne. Meine Antwort ist darauf "Ja, der 'Beginn der Erlösung' erscheint ganz sicherlich vor uns! Obwohl die Politik so manches zu machen scheint, das uns von der Erlösung wie zum Beispiel der Rückzug und die Teilung unseres Landes Israel ein Stück in der Erlösung zurückwerfen, denn das dürfte eigentlich nicht sein. So die Meinung vieler, die sich in der Thora auskennen und alles in Frage stellen.
Doch diese Stimmen sind gar nicht neu, schon unser Lehrer Moscheh beschwerte sich vor HaSchem: "Herr, warum machst du es so arg mit diesem Volke? Wozu hast du mich gesandt? Denn seitdem ich zu Pharao gekommen um zu reden in deinem Namen, macht er es ärger mit diesem Volke; gerettet aber hast du dein Volk nicht" (Ex. 5,22-23). Als Moscheh die Erlösung auf dem Rückzug befindlich sah, kamen ihm Zweifel an seiner Mission. Die Antwort auf Moschehs Zweifel finden wir im Midrasch: "Es gleicht mein Geliebter dem Hirsche - wie sich der Hirsch manchmal sehen läßt und dann wieder verdeckt ist und sich wieder sehen läßt und wieder verdeckt ist, so zeigt sich der erste Erlöser und ist wieder verdeckt und zeigt sich wieder... Jehuda Berabi sagte zu Kirssin: So zeigt sich ihnen der letzte Erlöser und ist wiederum verdeckt von ihnen" (Schir Haschirim raba, 2.Abschnitt). Von hier lernen wir von der Erlösung aus Ägypten bezüglich der letzten Erlösung, daß sie weitergeht, auch wenn sie verdeckt ist, sich weiterentwickelt und am Ende zum Vorschein kommt. Vielleicht bitten wir deshalb dreimal am Tag in unserem Gebete: "Und schauen mögen es unsere Augen, wenn du nach Zion zurückkehrst", denn es gibt Zeiten, wenn die göttliche Präsenz nach Zion zurückkehrt, ohne daß wir es sehen.

Die Verbindung des Auszugs aus Ägypten mit der letzten Erlösung finden wir in den Worten des Propheten Micha: "Wie in den Tagen deines Auszuges aus dem Lande Ägypten werde ich es Wunder sehen lassen" (7,15), und daraus lernten die Weisen die Ähnlichkeit der beiden Erlösungen: "So werde ich euch in Zukunft für die kommende Zukunft von der Knechtschaft Edoms erlösen und euch Wunder tun, wie es heißt: Wie in den Tagen deines Auszuges aus dem Lande Ägypten werde ich es Wunder sehen lassen" (Tanchuma). Den Worten des Propheten entnehmen wir, daß die Erlösung aus Ägypten kein einmaliges Ereignis, sondern ein Muster für Israels zukünftige Erlösung war, und von ihr lassen sich Antworten auf Fragen und Wirrungen finden, die im Laufe der zukünftigen Erlösung auftauchen können.

Eine weitere Quelle für die Verbindung zwischen der Erlösung aus Ägypten (Pessach) und der zukünftigen Erlösung finden wir in den Worten des "Sfat Emet" (zu Chanukka 5641). Er erklärte, es gebe die in der Schrift ausdrücklich erwähnten Feiertage, und demgegenüber die in der mündlichen Thora erwähnten Feiertage, die ihren Glanz von dem jeweils parallelen Feiertag der Schrift erhalten, so wie der Mond seinen Schein von der Sonne erhält. So hinterläßt der Feiertag (der Thora) einen Eindruck auf die israelitische Gemeinschaft (Knesset Israel), und aufgrund dieser Kraft begab die israelitische Gemeinschaft andere Feiertage. Chanukka zum Beispiel erhält seine Erleuchtung vom Laubhüttenfest, und Purim vom Wochenfest. Nur zu Pessach gibt es immer noch kein Parallel-Fest, doch hoffen wir auf die Verwirklichung von "Wie in den Tagen deines Auszuges aus dem Lande Ägypten werde ich es Wunder sehen lassen". - Diese Dinge schrieb der "Sfat Emet" vor über 120 Jahren. In unseren Tagen allerdings gesellte sich der Unabhängigkeitstag (Jom HaAtzma'ut) dazu als Feiertag unserer Erlösung und der Auslösung unserer Seelen, den das Oberrabbinat als Tag der Danksagung und der Freude festlegte und damit die Prophezeiung des "Sfat Emet" erfüllte. 

Eine weitere Parallele des Unabhängigkeitsfestes zu Pessach läßt sich in den Worten des Tur (Vorläufer des Schulchan Aruch; O.C. §428,3) finden: "Ein Zeichen für die Festlegung [des Wochentages] der Feiertage: alef-taf, bet-schin, gimel-resch, dalet-kuf, heh-zade, waw-peh [die sog. Atbasch-Methode, wobei der erste mit dem letzten Buchstaben des Alefbets kombiniert wird, der zweite mit dem vorletzten, usw.], und die Bedeutung: am Wochentag, auf den der erste Tag Pessach [alef=1] fällt, wird immer Tischa Be'Aw [taf] fallen, ein Zeichen dazu: mit ungesäuertem Brote [Pessach] und bitteren Kräutern [Tischa Be'Aw] sollen sie es essen (Num. 9,11), am Wochentag des 2. Tages Pessach [bet=2] fällt immer Schawuot [schin], am Wochentag des 3. Tages Pessach [gimel=3] fällt immer Rosch Haschana [resch], am Wochentag des 4. Tages Pessach [dalet=4] fällt immer Kriat Hatora [kuf], gemeint ist [das Lesen der Tora an] Simchat Tora, am Wochentag des 5. Tages Pessach [heh=5] fällt immer Zom Kippur [zade; Zom=Fasttag], am Wochentag des 6. Tages Pessach [waw=6] fällt immer das vorangegangene Purim [peh]". Pessach besteht jedoch aus sieben Tagen, nur wird dort für den siebten Tag kein paralleler Feiertag genannt. In unseren Tagen gibt es aber auch darauf eine Antwort: Nach der Atbasch-Methode gehört zum 7. Buchstaben, sajin, der Buchstabe ajin, und tatsächlich fällt Jom HaAtzma'ut [ajin] immer auf denselben Wochentag wie der 7. Tag Pessach. So schließt sich der Kreis der sieben Tage Pessach, noch eine Verbindung zwischen Pessach und unserer Erlösung.

Eine der Fragen, die viele tiefreligiöse Menschen bewegt, besonders unter den sogenannten Charedim, lautet: Wie läßt sich der "Beginn der Erlösung" auf eine Periode beziehen, in der sich viele Juden nicht nach der Tora richten? Auch diese Frage ist nicht neu, sie wurde schon in Ägypten gestellt, wie der Midrasch berichtet: "Als Moscheh zu Israel sprach: In diesem Monat werdet ihr erlöst!, sagten sie ihm: Unser Lehrer Moscheh, wie können wir erlöst werden, haben wir doch keine guten Taten vorzuweisen? Da sprach er zu ihnen: Weil [HaSchem] eure Erlösung wünscht, blickt er nicht auf eure bösen Taten" (Schir Haschirim raba). In einem anderen Midrasch (Schemot raba 15,4) heißt es: "hüpfend über die Berge (Hohelied 2,8) - sagte der Heilige, gelobt sei er: Wenn ich mir die Taten Israels ansehe, werden sie niemals erlöst, vielmehr betrachte ich ihre heiligen Vorväter, wegen des Verdienstes ihrer Väter erlöse ich sie". Auch hier lernen wir von der Erlösung aus Ägypten bezüglich unserer eigenen Erlösung, nämlich daß die Erlösung nicht von bußfertiger Umkehr abhängt, und selbst wenn g~ttbehüte Israel ihrer nicht würdig sein sollte, wird sie trotzdem eintreffen. Ebenso schrieb der heilige "Or Hachajim"-Kommentar zur Tora (Num. 24,17): "Wenn die Erlösung aufgrund der Verdienste Israels erfolgt, wird sie eine erstaunliche Höhe haben und der Erlöser wird sich vom Himmel offenbaren mit Wundern und Zeichen, wie im Buche des Sohar genannt. Was nicht der Fall sein wird, wenn die Erlösung kommt, einfach weil die Zeit reif ist, und Israel ihr nicht würdig sind; dann wird sie auf andere Weise geschehen, und darüber heißt es: der Erlöser wird kommen wie ein Armer und auf einem Esel reitend".

In diesem Sinne allen ein gutes Pessachfest

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