JÜdische Gemeinde FÜR
Villingen - Schwenningen und Schwarzwald Baar e.V.

zur Startseite
Informationen über die Entstehung der Gemeinde
Termine & Jüdische Feste im Jahresverlauf
Termine & Jüdische Feste im Jahresverlauf
Das wichtigste jüdische Gebet
Geschichte der Villinger Juden
Die jüdischen Wochenabschnitte
Unterstützen Sie uns
Linksammlung der jüdischen Gemeinde
Kontaktieren Sie uns!
Verantwortliche & Rechtliches
Jüdische Gemeinde Villingen-Schwenningen

Parschat Vajachel Pekude

Einer für Alle und Alle für Einen

Die Abschnitte vom Bau des Wüstenheiligtums bilden das Rückgrat des Buches Exodus (Schemot), ihr Anfang und Ende sind miteinander verbunden. Dabei fällt auf - obwohl sich an den Arbeiten für das Heiligtum das ganze Volk Israel beteiligte, erfolgten die entsprechenden Weisungen fast immer in der Einzahl an Moscheh: Mache, gebe, tue, bringe.

So auch am Ende des Werkes im Abschnitt Wajakhel. Dort begegnen wir wiederum dieser Kürze: "Und Moscheh versammelte die ganze Gemeinde der Kinder Israel und sprach zu ihnen: Das ist, was der Ewige geboten hat zu tun" (Ex. 35,1). Die Tora betont die Tatsache, dass sich die Kinder Israel um Moscheh versammeln. Es fragt sich, wozu dient diese Versammlung?

Wie wir bereits wissen, gelangte G~ttes Lehre normalerweise in Stufen zum Volk. Moscheh lehrte Aharon, Aharon seine Söhne, die die Ältesten, und erst dann, beim vierten Mal, gelangte die Lehre an ganz Israel. Diesmal verhält es sich jedoch anders. Alle versammeln sich wie ein Mann, um direkt von Moscheh zu hören. Das ist um so verwunderlicher, wenn wir uns die Gebote an Moscheh genauer ansehen. Sie sind alle bereits bekannt. Es handelt sich praktisch um eine fast wörtliche Wiederholung der Gebote aus dem Abschnitt Truma. Wozu ist also diese besondere Versammlung notwendig, die vom gewohnten Procedere abweicht? Und warum werden die Gebote in einer Weise übermittelt, als ob G~tt nur zu Moscheh spräche?

Unsere Welt besteht aus unendlich vielen Stufen und Dimensionen. Die talmudischen Weisen fassten sie in vier Kategorien zusammen, in vier "Welten". Die höchste, edelste Welt nennt sich Azilut, danach die Welt der Schöpfung, von der die Welt des Schaffens ausgeht, und am Ende unsere Welt, die Welt der Tat.

Die Welt der Azilut ist G~tt am nächsten (von ezel, nahe bei), im Schatten G~ttes (von bezel, im Schatten), eine Welt der Ideale und der fein- und tiefsinnigsten aller Gedanken. Von dort aus beginnen die Gedanken sich zu verketten und zu formen, bis wir am Ende einen kleinen Zipfel von ihnen zu fassen bekommen, so wie sie in unserer Welt der Tat in Erscheinung treten.

Dabei besteht allerdings eine existenzielle Gefahr. Dinge können auf dem Wege verloren gehen. Die Unterschiede zwischen den Welten sind so groß und so gewaltig, Entfernungen von Lichtjahren, dass ein berechtigter Zweifel besteht, ob das Endergebnis noch einen Hinweis, wenn auch einen noch so leichten, auf seinen Ursprung gibt, und wir können dann keinen Blick mehr auf die höheren Welten werfen, die in diesem Ding, das gerade erst in unserer Welt Gestalt angenommen hat, zum Ausdruck kommen.

Der Bau des Wüstenheiligtums ist in einen Schleier des Geheimnisvollen gehüllt. Es ist an sich ein Wunder, dass G~tt, der alle Welten ausfüllt und alle Welten bewegt und kein Ort von ihm frei ist, uns beauftragte, ihm ein Haus zu bauen, das Heiligtum, ein Ort beständiger Offenbarung, eine unfassbare Tatsache. Und so sagte Schlomo: "Und nun G~tt Israels, werde doch bewährt dein Wort, das du geredet deinem Knechte David, meinem Vater. Denn, mag wohl in Wahrheit G~tt wohnen auf der Erde? Siehe die Himmel, und der Himmel Himmel können dich nicht fassen: gar nun dieses Haus, das ich gebaut!" (Kö.I, 8,26-27).

Der Bau des Heiligtums stellt also ein Geheimnis dar, ein Wunder, etwas, das auf uns aus höheren, verborgenen Welten herab schaut, die sogar König Schlomo nicht begreifen konnte.

Wenn man so ein Heiligtum baut, muss man über die ganze Distanz die entsprechenden Absichten beachten. Schließlich handelt es sich um handfeste Arbeit. Dort wird eifrig mit allen möglichen Materialien gearbeitet, Gold, Silber, Kupfer, Stoffe, Pflanzen und Räucherwerk. Dort also, zwischen den Schlägen auf den Amboss und dem Weben der Tücher können sich disqualifizierende Gedanken von der materialistischen Sorte einschleichen, als ob wir G~tt wirklich ein Haus bauen, und bis jetzt hatte er einfach keine Unterkunft...

Darum galt als grundsätzliche Vorbedingung für alle, die am Heiligtum arbeiteten, nicht ihre Fingerfertigkeit, sondern ihre Konzentration bei der Arbeit auf die richtigen Gedanken. Diese Fähigkeit hat ihr Zentrum im Herzen, in seiner Neigung und seiner Reinheit, und darum werden die am Heiligtum Arbeitenden an vielen Sellen "Weise des Herzens" genannt, sowohl die Männer als auch die Frauen.

Und über alledem waltet ein besonderer Mensch, ein Mensch aus der Welt des Denkens, aus der Welt der Azilut. Das ist Bezalel, auch er war "im Schatten G~ttes" (bezel el), er wird von G~tt folgendermaßen benannt: "Siehe, ich habe mit Namen berufen Bezalel, den Sohn Uris, des Sohnes Chur vom Stamme Jehuda. Und habe ihn mit göttlichem Geist erfüllt, mit Weisheit und Einsicht, mit Wissen und allerlei Fertigkeiten. Kunstwerke zu ersinnen, in Gold, Silber und Kupfer zu arbeiten. Auch im Schneiden und Einsetzen der Steine und im Holzschnitt, und so in allen Arbeiten zu schaffen. Auch habe ich ihm beigegeben den Oholiaw, Sohn des Achisamach aus dem Stamme Dan und allen Kunstverständigen Weisheit ins Herz gelegt; sie sollen alles anfertigen, was ich dir befohlen habe" (Ex. 31,2-6). Das also waren die Leute, die für den Bau des Heiligtums für würdig befunden wurden.

Zur Zeit des Gebotes waren sicher alle ihres Ausgangspunktes bewusst. Ein Gefühl der Erhebung, ein greifbares Wunder. Doch in unserem Abschnitt schreitet man zur tätigen Ausführung; da gibt es eine Flut von Einzelheiten zu beachten. Eine enorme Anzahl von Menschen beteiligt sich am Werk. Auch hierbei lauert eine Gefahr. Beim Übergang vom generellen Gebot, das an die ganze Nation via Moscheh gerichtet wurde, bis zur detaillierten und exakten Ausführung besteht die Gefahr des Individualismus. Jeder einzelne Handwerker mag seiner Arbeit seinen persönlichen Stempel aufdrücken. So lässt sie sich auch nachher identifizieren: 'Seht mal her, dieses Goldgefäß habe ich gemacht' kann er einmal seinen Kindern erzählen, wenn er sie zu einem Rundgang durchs Heiligtum mit nimmt. Das ist ein ganz natürlicher Wunsch eines jeden Künstlers, seine Signatur auf seinem Werk zu hinterlassen. Und auch wenn der allgemeine Rahmen im voraus fest steht, bleibt doch ein gewisser Spielraum für Nuancen und Schattierungen. So würde ein aus vielen unterschiedlichen Einzelheiten zusammen gesetztes Heiligtum entstehen, ähnlich in der generellen Form, aber verschieden im Detail, und vor allem mit unterschiedlichen Absichten. Einer hatte bei seiner Arbeit die Ehre G~ttes im Sinn, der Zweite die ästhetische Schönheit des Objektes, und der Dritte seinen eigenen Ruhm.

Bevor es also an die Arbeit im Einzelnen geht, versammelt Moscheh die ganze Gemeinde bei sich. Wieder steht man vor Moscheh, dessen besondere Seele sein Gesicht erstrahlen lässt, wiederum fügt man sich ihm, seinen Absichten, und alle Ausführenden folgen seinen Gedanken und Weisungen, als ob er selber das Werk verrichtete. Danach begibt sich ein Jeder an seine Arbeit und denkt nur daran, wie er das Gerät genau so macht, wie Moscheh es haben wollte. Wie mache ich meinen persönlichen Gegenstand so, dass in ihm der allgemeine Gedanke am besten zum Ausdruck kommt.

So wurde Stück um Stück das Heiligtum erbaut, doch ein einziger gewaltiger Gedanke vereinte sie alle, ein einziger gedanklicher Riegel hielt alles zusammen. Die Lippen murmelten ein Gebet "...sei mit unseren Herzen und Worten bei unseren Gedanken, mit unseren Händen zur Zeit unserer Werke, und schicke uns Segen, Erfolg und Einkommen für aller unserer Hände Werk, und erhebe uns aus dem Staub unserer Armut, und erhebe uns über den Abfall unserer Armseligkeit...". Und als die Zeit der Aufstellung heran nahte, wurden alle Teile vor Moscheh gebracht. Er wusste sie alle miteinander zu verbinden, aus allen diesen von vielen verschiedenen Menschen gefertigten Einzelteilen ein einziges Heiligtum zu bauen, verbunden und geeint durch die Gedanken und Absichten der Ausführenden, die zu einer einzigen spirituellen Decke der Erscheinung göttlicher Präsenz zusammen wuchsen.

Rav. M. Kahane Israel

 

zurück