Wilde 13
Vor vielen, vielen Jahren fragten die Schüler des Rabbi Elijahu von Wilna, genannt "Wilna'er Gaon", wie es zu bewerkstelligen sei, dem Volke Israel die Erlösung zu bringen. Natürlich könne G`tt die Erlösung bringen, wie es ihm beliebe, mit oder ohne Wunder, und ist dabei nicht auf unsere guten Ratschläge angewiesen - aber wie tragen wir dazu aus eigener Kraft das Menschenmögliche bei? Der Gaon überlegte lange Zeit und sagte dann: Man müsse 60 Myriaden Juden (=600.000) nach dem Lande Israel bringen. Diese Anzahl werde den Ausschlag geben. Ist diese Prophezeiung jemals eingetroffen?
Diese Zahl ist uns bekannt. "60 Myriaden" zogen aus Ägypten, und "60 Myriaden" zogen unter Jehoschua im Lande Israel ein, und die talmudischen Weisen schrieben, auch in der kommenden Zukunft werden es "60 Myriaden" sein. Wer 600.000 Juden versammelt sieht, sagt sogar einen besonderen Segensspruch: "Baruch ata..., chacham harasim" [gepriesen sei der Allweise der Geheimnisse]. Die Weisen sagten ferner, eine funktionsfähige Gesellschaft bestehe aus mindestens 600.000 Bürgern, dem Minimum für ein Volk. Eine Ansammlung von 60 Myriaden Juden in Israel leutet und signalisiere den Beginn der Endzeit der Erlösung an. Diese Schwelle wurde etwa zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges überschritten.
Zur Zeit des Wilna'er Gaon aber erschien so eine Zahl als vollkommen unrealistisch, ja unmöglich. Man konnte 600 Juden zur Einwanderung nach dem Lande Israel bewegen, nicht aber 600.000, und selbst für diese Wenigen bedeutete es ein hohes Maß an Selbstaufopferung, wie die Schüler des Gaon bezeugten, die selber einwanderten.
Der Wilna'er Gaon stützte seine Antwort auf das kabbalistische Prinzip der Buchstabenkombination Taw-taw-kuf-zade-tet, deren Zahlenwert "999" ergibt: Wir bemühen uns, einen Teil beizutragen, und G`tt ergänzt auf Tausend. "Der kleine wird zu Tausend" (Jeschajahu 60,22) - das ist ein Partnerschaftsvertrag. Wir sind dabei eher stille Teilhaber, denn den Löwenanteil erledigt der Herr der Welt. Doch wir müssen den Anfang machen, wir müssen unseren wenn auch bescheidenen Anteil beisteuern. So wie beim Lotto, wo man ein Los für wenig Geld kauft und damit Millionen gewinnen kann. Aber wenn man kein Los kauft, kann man auch nichts gewinnen. Mit G`ttes Hilfe haben wir "beim Lotto gewonnen": die Rückkehr nach Zion und den Aufbau des Landes, die Gründung eines eigenen Staates und eine eigene Armee, die Rückkehr der Tora ins Land.
All dies gab es nicht umsonst, sondern kostete eine Menge Selbstaufopferung vieler unterschiedlichster Juden: religiöse und nichtreligiöse, Charedim und Zionisten, Neueinwanderer und Siedler, Kämpfer und Landarbeiter. Kein kleiner Beitrag,
doch erhielten wir viel mehr zurück, als wir einsetzten. Wunder über Wunder. Ein kleiner Ölkrug, der so sehr lange reichte. Natürlich kann G`tt es auch so einrichten, daß die Flamme ganz ohne Öl brennt, er aber entschied in seiner Weisheit, daß wir durch unserer Hände Werk am Wunder beteiligt seien. So steht auch im Schulchan Aruch, daß der göttliche Segen nur über ein irdisches Gegenstück in die Welt kommt (Ta"s zu O.C.§670,1). So geschah es auch in der Begebenheit mit dem Propheten Elischa und der Witwe, die nichts im Hause hatte wie ein kleines Fläschchen Öl zum Einreiben, aus dem sie dann viele Gefäße füllte (Könige II, 4.Kap., 1-7).
Wie gesagt kann G`tt auch Wunder gänzlich ohne unsere Beteiligung vollbringen und Dinge aus dem Nichts erschaffen, doch ist es nun einmal sein Wille, daß auch die Wunder einen natürlichen Bestandteil aufweisen, und "der kleine wird zu Tausend".
So verhielt es sich in den letzten hundert Jahren. Wir setzen uns mit Leib und Seele ein, und G`tt vollbringt uns Wunder. Es besteht eine Verbindung zwischen dem Wunder und unserem Selbsteinsatz, wie die Weisen sagten, daß der Regen in
direktem Zusammenhang mit unserer Opferbereitschaft steht, auch, wie im genannten Fall, in Geldfragen (Brachot 20a). Auch bei der Spaltung des Schilfmeeres geschah das Wunder erst nach Offenbarung eigener Opferbereitschaft. Wenn ein Mensch seine Natur überwindet und sich aufopfert - dann ändert G`tt dessen Natur.
So funktioniert die "Partnerschaft" seit Beginn der Rückkehr nach Zion. Von unserer Seite Taten und Aktionen nach bester Kraft, und G`tt bringt eine alle Erwartungen übertreffende Rettung. Wenn der Gaon von Wilna heute lebte und wir ihn bitten könnten: Lehre uns die Lösung aller unserer Probleme, mit den Arabern um uns herum wie mit den Arabern in unserer Mitte, usw. usf., so würde er antworten: Ich habe keinen exakten langfristigen Aktionsplan mit Ausblick auf jedes einzelne Jahr vor meinem geistigen Auge, nur laßt euch dieses Eine sagen: Fangt mit der Arbeit an; im Verlauf wird sich alles weitere ergeben. Doch wenn ihr nichts tut, wird sich auch gar nichts ergeben.
Dieses "Mach dich auf und geh los" ("Lech lecha.."; Gen. 12,1) haben wir von unserem Vorvater Awraham gelernt. Damit bestand er seine erste göttliche Prüfung. "...in das Land, das ich dir zeigen werde" (ebda.) - ohne genau zu wissen, wohin, eine Prüfung innerhalb der Prüfung.
Du investierst wenig - G`tt investiert viel. Das ist zwar ein generelles Versprechen, aber kein Vertrag, der für jedes Einzelgeschäft gilt. Worin bestünde denn die Selbstaufopferung, wenn sich alles genau kalkulieren ließe?! Nicht immer geschieht ein Wunder, nicht immer hat man mit allem Erfolg. Das Prinzip "999" gilt nicht für jeden Einzelfall, aber im Großen und Ganzen geht die Rechnung auf. Entsprechend dem Gang der Welt wechseln sich Erfolg und Rückschlag ab, und trotzdem kommen wir voran.
Wer sich den großen Überblick über unsere Geschichte verschaffen will und dazu von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde auf die Ereignisse schaut, kann wirklich durchdrehen: den einen Moment Licht, den anderen Dunkel. Bei den Vier-Uhr- Nachrichten guter Laune, bei den Fünf-Uhr-Nachrichten betrübt. Man muß die Proportionen wahren, aus der richtigen Perspektive sehen und den allgemeinen Überblick wahren: ein Jahr, zehn Jahre, hundert Jahre. Wenn man alles einbezieht, erkennt man das Prinzip "999" - wir Kleinen werden zu Tausend. "Wäre unser Mund Gesanges voll wie das Meer..., so würden wir nicht ausreichen, Dir zu danken.." (aus "Nischmat kol chaj..", Morgengebet für Schabbat).
Leider verwechseln manche Leute Glauben mit Oberflächlichkeit. Nach ihrer Ansicht wurden am 5. Ijar 5708, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, alle Probleme des Staates Israel auf einen Schlag, wie durch Wunder, gelöst, und deswegen verzweifeln sie bei jedem Problem und schleppen sich von einer Verzweiflung zur nächsten. Niemand jedoch hat uns für die Erlösung Problemfreiheit garantiert oder einen Rosengarten ohne Dornen versprochen. So ist das auf der Welt, alles hat seinen Preis. Wenn du etwas Wertvolles kaufst, weine nicht dem Geld nach. Wann darfst du weinen? Wenn man dir die Sache wegnimmt. In der Schoa wurden sechs Millionen von uns auf undenkbare Weisen ermordet, eine schwere Frage. Doch seit dem Anbeginn der Erlösung wußten wir, daß sie einen Preis hat. Für diesen Preis werden wir tausendfach entlohnt werden, durch Wunder über Wunder, kaum zu glauben. Unser eigenes Land; unser eigener Staat, unsere eigene Armee. Unsere eigene Freiheit! Und die Tora kehrt in unser Land zurück. Die endgültige Erlösung ist auf dem Weg. Chasak we'nitchasek.
Rav Danzinger